Das Auto im Fernsehen

Juli 7th, 2009 Posted in Top Gear

Im Durchschnitt verbringt jeder Deutsche ca. 40 Minuten pro Tag im Auto. Für die Zeitung brauchen wir 25 Minuten, mit den Kindern reden manche wahrscheinlich keine 15 Minuten und der 10 Minuten-Anruf bei der Omi alle 14 Tage ergibt nicht mal 1 Minute pro Tag für die Großeltern. Wir leben in einer (auto)-mobilen Gesellschaft, ohne Auto würde vielen etwas fehlen. Ganz zu schweigen von den Millionen Fans, die alle paar Wochen im Fernsehen die Übertragungen der Formel 1 verfolgen.

Aber sonst? Autosendungen im TV fristen ein trauriges Nischendasein, nicht vergleichbar mit dem Erfolg von Zeitschriften wie Auto Bild oder Auto, Motor und Sport. Was höchstwahrscheinlich an der Machart der Sendungen liegt, denn beim Zuschauen von Sendungen wie AMS-TV wird man irgendwie in eine Mischung aus TÜV-Abnahme, Fahrschulunterricht und KFZ-Mechaniker-Berufsschule gebeamt. Dröge Berichte, ein dozierender Reporter und Belanglosigkeiten wie “durch die Doppelfederung der Kupplung kann man im ersten Gang jetzt 6,5 Nm mehr Kraft umsetzen” provozieren den Griff zur Fernbedienung, es sei denn, man ist selber TÜV-Prüfingenieur.

Aber es geht auch anders, und (ausgerechnet) die Briten zeigen wie: TOP GEAR. Eine Sendung nur über Autos, mit dem Unterhaltungswert von Harald-Schmidt-Shows der 90er. Seit 1977 ist es im Programm der BBC, oftmals aufgefrischt und im jetzigen Format seit 2002 erfolgreich wie nie. Angeblich die erfolgreichste Sendung der Welt mit bis zu einer Milliarde Zuschauer pro Folge (dem Commonwealth sei Dank), und mittlerweile gibt es lokale Show-Ableger in Australien, Russland, Deutschland (leider nur auf DMAX) und den USA.

Das Erfolgsrezept von Top Gear ist ziemlich einfach: es geht um ehrliche und hemmungslose Subjektivität. Und zwar die der Moderatoren, nicht der Zuschauer. Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May testen die Autos, die sie spannend finden, und geben dazu ihre direkte und unverblümte Meinung ab. Das erzeugt eine Authentizität, die man im mainstreamigen Medienalltag vergeblich sucht.

Es gibt ein paar Spielregeln für die Auswahl der Autos. Alles, was viele PS hat, wird gerne getestet. Alles, was richtig viele PS hat, wird sowieso getestet. Neue “Hypercars” wie ein Zonda, Koenigsegg oder Ascari sind garantiert schnell dabei, “Supercars” wie ein Ferrari, Lamborghini, Nissan GT-R oder Porsche nicht zwangsläufig oder nur dann, wenn es wirklich etwas Interessantes zu berichten gibt. Aber auch normale Autos wie ein Golf oder ein Ford Fiesta werden auf Herz und Nieren geprüft, und das unter realistischen Bedingungen. Wobei der Test des Ford Fiesta in Folge 6 der 12. Staffel ein Highlight markiert, weil hier ein allzu bekannter 08/15 Autotest aus dem Ruder läuft und der Testfahrer (Clarkson) sich Fragen stellt wie: “Kann der Fiestag Marines der British Navy im Kampfeinsatz absetzen?” oder “Kann der Fiesta einer Corvette in einer Shopping Mall entkommen?”

Legendär ist der Wortwitz der Moderatoren, hier kommt der britische Humor voll und ganz zur Geltung. Jeder der drei hat eine individuelle Attitüde zum Thema Auto: Clarkson ist der PS-versessene End-Vierziger mit Bauch in der Quasi-Midlife-Crisis, dem nichts über Ferrari geht (“they are made with soul and passion”). Hammond schätzt eher die Agilität eines Porsche 911 (“light and agile”), was Clarkson immer wieder zu Aussagen über sein vom 2. Weltkriegs geprägten Deutschlandbild bringt. Und May ist komfortversessen und als einziger ziemlich technik-interessiert, was man von den anderen beiden nicht sagen kann. Clarkson und Hammond wollen einfach nur schnell fahren.

Alle drei Top Gear Moderatoren eint die Liebe zum Automobil und vor allen Dingen zu Alfa Romeo. Diese automobile Leidenschaft ist die zweite Säule im Konzept von Top Gear, neben der dritten: Abenteuer. Legendär sind die Top Gear Challenges, bei denen es um mehr oder minder plausible Herausforderungen mit dem Auto geht. Beispielsweise mit einer Tankfüllung von London nach Edinburgh und zurück zu fahren. 1200km, in einem Audi A8, dessen Reichweite von Audi selber mit “maximalst” 1100km angegeben wird. Oder mal zu testen, ob man schneller von London nach Monaco per Zug oder per Auto kommt. Oder…

In den kommenden Wochen wollen wir immer mal wieder auf die Highlights der aktuellen 13. Staffel zurückblicken. Und bevor Sie jetzt zur Zeitung greifen: Schauen Sie mal bei Youtube nach.

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